Wow, endlich ist es… besser!?

Die Zweischneidigkeit von vergleichenden Komplimenten

Ein neuer Haarschnitt, 4 Kilo abgenommen, eine neue Wohnung oder ein neuer Teppich, ein neuer Job, endlich die lang erdachte Reise gemacht, ein Erfolg, eine neue Partnerin, eine Veränderung: Wir entwickeln uns ständig. Oft bleiben diese Veränderungen unseren Mitmenschen nicht verborgen. Oft sollen sie das auch mitbekommen, wenn wir uns freuen, dass wir etwas Neues geschafft haben. Dann bekommen wir Rückmeldung von Freunden und Bekannten: „Wow, dein neuer Haarschnitt sieht super aus!“ „Wahnsinn, du siehst richtig gut aus!“ oder „Ja, jetzt sieht es hier viel besser aus, es ist viel mehr Platz und Ordnung.“. Es tut gut, ein Kompliment zu hören. Es tut gut, Anerkennung für Mut und Arbeit zu bekommen. Aber… was ist das für ein schaler Beigeschmack? Bei den ersten beiden Sätzen könnte man sich ganz und gar wohl fühlen mit dem Kompliment. Doch bei letzterem Kommentar drängt sich ein kleiner Beigedanke auf. „Ja, jetzt sieht es hier viel besser aus, es ist viel mehr Platz und Ordnung.“ – Mh. Also, war es vorher unordentlich…? War es vorher schlecht…? Der Vergleich, der sicherlich gut gemeint ist, kann ein unangenehmes Gefühl hinterlassen. Diese Wirkung erzeugen vergleichende Komplimente häufig. Wie das kommt, was das bedeutet und wie man es anders machen kann, wird in diesem Blogbeitrag einmal genauer unter die Lupe genommen.

Wertschätzende Kommunikation

Wer meine Arbeit etwas verfolgt der bemerkt, dass ich mich viel mit dem Thema wertschätzende Kommunikation beschäftige. Kommunikation ist in vielen Situationen des Alltags unabdingbar. Warum also nicht diese aktiv wertschätzend, ziel- und lösungsorientiert und positiv gestalten! Dass die Sprache und die Art und Weise wie wir kommunizieren eine große Wirkung auf das Ergebnis hat, ist weit bekannt. Nicht umsonst gibt es zahlreiche Fortbildungsangebote zu Mitarbeiterführung (z.B. über erfolgreiche Personalgespräche für gutes Mitarbeiterklima und Effizienz), Feedback-Workshops, Kommunikations-Coaches, Beziehungsberatung und nicht zuletzt Therapeutenausbildungen. Ein Großteil dieser Angebote beschäftigt sich damit, wie die Sprache am besten eingesetzt werden kann, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.  

Komplimente, Wertschätzung oder „positives Feedback“ spielen dabei eine große Rolle. Ein Kompliment wird als etwas, mit einem positiven Wert für Geber und Nehmer beschrieben[1]. Es bildet als „Höflichkeit“ einen Gegenpunkt zu verbaler Aggression[2]. Komplimente dienen nicht dazu, in Diskussionen voran zu kommen. Vielmehr haben sie eine soziale Funktion[3]. Sie helfen im Miteinander sozusagen, die sozialen Räder zu ölen.

In meinem Workshop Adventswärme beschäftige ich mich intensiv mit der Bedeutung von Komplimenten. Dabei wird immer wieder deutlich, dass nicht jeder Komplimente immer und überall als etwas Positives erlebt. Die Teilnehmenden berichten davon, dass es unangenehm sein kann, ein Kompliment zu bekommen. Es kann ein „falsches“, also nicht zutreffendes Kompliment sein. Es kann sich anhören, als würde der Sprecher eigentlich etwas anderes sagen wollen. Oder aber in der Wertschätzung steckt irgendwie eine Abwertung, gar Beleidigung.

Der Untergang des Kompliments im Vergleich

Vergleiche lösen in unseren Gehirnen oft Bewertungen aus. Dünner ist besser als dicker, schöner ist besser als hässlicher, erfolgreicher ist also besser, als eine Niete zu sein. Wenn man es so direkt gegenüberstellt, ist das leicht nachvollziehbar. Das Gemeine: In Komplimenten, die einen Komparativ enthalten (also die Steigerungsform eines Adjektivs wie schöner, besser, schneller, größer, schlanker, fitter…), steckt unausgesprochen ein solcher Vergleich. Wenn jetzt etwas besser ist, muss es wohl vorher schlechter gewesen sein. „Du siehst jetzt viel fitter aus!“ „Dieser Stil ist wirklich schöner.“ „Dieses Jahr hast ja viel bessere Ergebnisse als letztes.“ „Du bist halt schlauer als dein Bruder.“ „Ich mag deinen Hund viel mehr als den von…“. Mh. Man könnte denken: Toll, dass ich jetzt positiv wahrgenommen werde. Was aber, wenn ich nicht finde, dass ich vorher unsportlich oder dick, stillos oder hässlich bekleidet war? Was, wenn ich zufrieden mit meinen vorherigen Ergebnissen war,- also bis eben grade das Kommentar kam. Was, wenn ich nicht möchte, dass jemand über meinen Bruder sagt er wäre dümmer als ich oder über andere Hunde, sie seien es weniger wert, geliebt zu werden…?

Der eine Leser oder die andere Leserin werden an dieser Stelle vielleicht denken, dass das übertriebene Reaktionen sind oder dass es ja so nicht gemeint sei. Richtig, nicht jeder reagiert negativ auf vergleichende Komplimente. Die Erfahrung zeigt aber, dass wer vergleicht um zu Wertschätzen, häufig anderen auf den Schlips tritt. Es fällt schwerer sich über ein solches Kompliment richtig zu freuen. Und ehrlicherweise, wenn ich sage, dass jetzt etwas besser ist, dann war es vorher…? Es ist ein Vergleich zu Ungunsten dem, wie es vorher war, wie man vorher war. Auch wenn der Vergleich oft nicht so negativ gemeint ist, wie am Anfang des Absatzes beschrieben. Ein Vergleich muss ja nicht das Gegenteil meinen. Vor „schöner“ könnte ja auch „schön“ kommen.

Angenommen der Sprecher möchte eigentlich etwas Positives bewirken, geht das mit solchen Sätzen also manchmal nach hinten los. Der Zauber verloren, noch ein höfliches „Dankeschön“ vom Gegenüber und ein Gefühl auf beiden Seiten: In der Zukunft lieber keine Komplimente mehr!

Ich bin der Ansicht, dass Feedback, ob negatives oder positives, oft deswegen für alle Beteiligten schwierig ist, weil man nicht genau weiß, wie man es formulieren soll. Wenn dann ein freundlich gemeintes Kompliment auch noch zu einem Streitpunkt wird, ist das bedauernswert. 

Vergleichende Komplimente – oder wie man es anders machen kann

Wie also kann man seine Bewunderung nun Ausdruck verleihen? Reicht es, wenn ich die Sätze als Ich-Botschaften formuliere? Oder sollte man nicht besser auf jegliche Komplimente verzichten, um nicht falsche Assoziationen zu erwecken…?

Es wäre fatal, auf wertschätzende Worte zu verzichten, in der Sorge jemanden zu verletzen oder zu verstimmen. Feedback und Komplimente sind wichtige Bestandteile unserer sozialen Kommunikation und dienen wie gesagt als „Schmieröl“ zwischenmenschlicher Beziehungen. Abgesehen davon dienen wertschätzende Worte als wichtige Information für den, der sie empfängt: Komplimente sind Ressourcenarbeit. Sie geben Feedback darüber, was die Person gut kann, was „gut ankommt“, was andere an guten Eigenschaften an der Person sehen.  

Außerdem hat wertschätzende Kommunikation noch weitere Vorteile. Im Rahmen der Organisationspsychologie konnte belegt werden, dass positives Feedback einen stärkeren Einfluss auf das Mitarbeiterverhalten hat als negatives. Es fördert die Leistung und schafft ein Klima der Offenheit und des Vertrauens[4]. Das besonders erstaunliche: Auch auf den, der die Komplimente gibt, haben sie eine positive Wirkung. Wer jeden Tag etwas wertschätzendes tut, der fühlt sich wohler und mit dem Leben zufriedener[5]. Sich bewusst sein über seine wertschätzenden Handlungen, macht glücklicher, dankbarer und freundlicher[6].

Fazit: Komplimente sind angenehm und hilfreich. Und damit sie diese Wirkung auch haben und eben keinen sauren Beigeschmack hinterlassen, geht es darum sie bewusst zu formulieren. Dabei können ein paar Tipps unterstützen.

Allem voran: Vergleiche weglassen. Weg mit dem Komparativ aus Komplimenten! Wenn ich nicht vergleiche bleibt: Das wertschätzen, was es ist. Es so wertschätzen, wie es jetzt ist. Das bedeutet auch, dass ich nochmal genau nachdenken muss, was ich eigentlich gut finde. Das kann zu interessanten Gesprächen führen. Und wenn man mal vergleichen möchte, dann deutlich machen, dass man nicht das Gegenteil von etwas schlechtem meint. Nein, heute ist es eben nur ganz besonders großartig!

Offen lassen, ob das Kompliment angenommen wird: Menschen sehen das bestimmt ganz unterschiedlich, ich finde es… …oder wie findest du das? Wie geht es dir damit? Wir würdest du das beschreiben? Aber das ist natürlich nur meine Meinung.

Beschreiben statt bewerten: Wow, das ist ganz anders als vorher! Man, ich sehe einen großen Unterschied. Vorher war es so… und jetzt ist es so… Heute hast du, machst du…

Ich-Botschaften sind gute Einleitungen: Ich finde das wirklich… Also das ist total mein Geschmack… Wow, ich würde das auch richtig gut finden.

Aber das sind nur Beispiele. Nur das was mir grade eingefallen ist. Sie finden sicher Ihre ganz persönlichen Worte. Und das ist gut.

Es bleibt zu sagen, dass natürlich auch bei der sorgfältigsten Wortwahl ein Kompliment mal seine Wirkung verfehlen kann. Und nicht immer hat man Lust, erst eine kleine Doktorarbeit zu schreiben, sondern will voller Freude rufen: „Wow, das ist echt besser!“. Mit diesem Beitrag möchte ich  sensibilisieren. Ein paar Impulse, ein bisschen Anleitung. Mut machen, dass Komplimente gelingen können, schön sind. In der Hoffnung auf mehr Wertschätzung in der zwischenmenschlichen Kommunikation.


[1] Holmes, J. (1986). Compliments and compliment responses in New Zealand English. Anthropological Linguistics, 28(4), 485-508.

[2] Szczęk, J. (2018). (Un) Höflichkeit: Indirekte Formen sprachlicher Aggression. In Sprachliche Gewalt (pp. 29-40). JB Metzler, Stuttgart.

[3] Wolfson, N., & Manes, J. (1980). The compliment as a social strategy. Research on Language & Social Interaction, 13(3), 391-410.

[4] Bungard, W. (2005). Feedback in Organisationen: Stellenwert, Instrumente und Erfolgsfaktoren. Mannheimer Beiträge zur Wirtschafts- und Organisationspsychologie, 20 (2), 3 – 13.

[5] Layous, K., Nelson, S. K., Kurtz, J. L., & Lyubomirsky, S. (2017). What triggers prosocial effort? A positive feedback loop between positive activities, kindness, and well-being. The Journal Of Positive Psychology, 12(4), 385-398.

[6] Otake, K., Shimai, S., Tanaka-Matsumi, J., Otsui, K., & Fredrickson, B. L. (2006). Happy people become happier through kindness: A counting kindnesses intervention. Journal Of Happiness Studies, 7(3), 361-375.

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