Loslassen

Impulse und drei Gedanken was Loslassen bedeuten kann.

Wie viele Pläne wurden geschmiedet, wie viele Ideen formuliert, wie viele Wege geplant und doch… nie umgesetzt? Wie zahlreich sind die Vorhaben der Menschen, wie groß die Visionen und doch, nicht jede schafft es Realität zu werden. Von vielen Plänen müssen wir Abstand nehmen, von Einfällen uns trennen. Wann ging es Ihnen das letzte Mal so? Wie gehen Sie damit um, wenn Sie sich von einem heißgewünschten Vorhaben verabschieden müssen? Grade im Moment und durch Corona-Einschränkungen begegnet uns diese Herausforderung häufig: Impulse und Gedanken über das Loslassen.

Es gibt viele Gründe, warum man seine Wünsche und Ideen, nicht in die Tat umsetzt. Es mag sein, dass man sie vergisst, dass es regnet, dass das Geld in die Autoreparatur geflossen ist oder sich einfach das Interesse geändert hat. Man findet dies im Kleinen, wie der verpasste Spaziergang der zu einem Fernsehabend wird, und im Großen, wenn das Auslandspraktikum doch nicht klappt, die Immobilie schon anderweitig vergeben ist oder eine Beziehung nicht mehr hält. In Zeiten der Corona-Pandemie gibt es ganz neue Einflüsse die verhindern, dass wir unsere Pläne real werden lassen: Geburtstagsfeiern fallen aus, Prüfungen werden nicht wie erhofft gefeiert, die Reise muss storniert werden, die Taufe läuft ganz anders als geplant und ja, auch Hochzeiten müssen abgesagt und verschoben werden. In diesen Momenten konfrontiert uns das Leben mit der Herausforderung Loslassen. Loslassen von den schönen Träumen, loslassen vom großen Plan. Dabei müssen wir sowohl im Außen loslassen, als auch im Innen. Wir müssen Verträge kündigen und Absagen organisieren. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass wir uns traurig oder wütend fühlen. Und das ist weder leicht noch angenehm.

Bei Verlust und Trauer: Phasen-Modelle über das Loslassen

In Persönlichkeitsentwicklungs-Ratgebern können wir lesen, wie befreiend es sein kann, einfach loszulassen! Welche wohltuende Wirkung das haben kann. Sie geben Tipps und Tricks, wie das gelingen soll. Es gibt zahlreiche Theorien dazu, was Menschen erleben, wenn sie sich mit Verlust und Trauer auseinander setzen müssen. Viele Modelle erzählen uns, welche Phasen wir dabei durchlaufen sollen. Kast (1982)[1] spricht in ihrem Modell von 4 Phasen der Trauer: 1. Nicht-wahrhaben wollen, 2. Aufbrechende Emotionen, 3. Suchen und Sich-Trennen und 4. Neue Selbst- und Weltbezüge. Bei Kübler-Ross (1969)[2] sollen es folgende fünf Stufen sein: 1. Nicht-wahrhaben-Wollen und Isolierung, 2. Zorn, 3. Verhandeln, 4. Depression und 5. Zustimmung. In anderen Modellen wie dem von Streich (2016)[3] werden sieben Phasen beschrieben: 1. Schock, 2. Ablehnung, 3. Rationale Einsicht, 4. Emotionale Akzeptanz, 5. Lernen, 6. Erkenntnis und 7. Integration. Oft sollen Menschen genau diese Phasen in genau dieser Reihenfolge durchlaufen, um am Ende „Frieden schließen“ zu können. Aber, muss das wirklich so sein? Gehört zum Loslassen immer eine Depression? Immer Zorn? Immer rationale Einsicht? Endet der Prozess immer in Lernen und Zustimmung? Kann es nicht auch sein, dass die Emotionen immer und immer wieder aufbrechen…?

Klar ist, diese Modelle dienen als Orientierungshilfe. Der Prozess der Trauer und der Veränderung sind individuell und können ganz unterschiedlich ablaufen. Aber für manch einen mag es hilfreich sein genau zu überlegen, wo er oder sie grade steht. Es tut vielleicht gut zu lesen, dass es normal ist, starke Trauer oder gar Zorn zu verspüren. Nicht zuletzt kann es Hoffnung geben zu wissen, dass am Ende der Auseinandersetzung eine positive Aussicht stehen kann. Vor allem aber laden die Modelle ein, sich ganz bewusst damit auseinander zu setzten, wenn ich etwas loslassen muss. Einen Blick dahin zu lenken, wo es vielleicht weh tut, wenn ich meine Vorhaben aufgeben muss. Achtsam dafür sein, welche Gefühle und Gedanken so ein Loslösen für mich mit sich bringt.

Loslassen als Verlust. Loslassen als Erleichterung. Loslassen als Fantasie.

Ich selbst habe mich in letzter Zeit sowohl auf beruflicher als auch auf privater Ebene mit kleinen und großen Loslösungen auseinandersetzten müssen. Für mich ist Loslassen nie nur eine Sache, nie gleich und auch nicht endgültig. Und wichtig ist mir hier deutlich zu machen, dass es eben auch so unterschiedlich sein darf. Jeder Zustand im Loslassen hat seine Berechtigung. Neben diesen Modellen und meinen vielen Ideen für den Umgang damit, sind für mich drei Aussagen deutlich geworden: Loslassen ist Verlust. Loslassen ist Erleichterung. Loslassen ist Fantasie.

Loslassen ist Verlust
Etwas loslassen bedeutet, es aufzugeben. Es geht nicht, egal was ich tue. Es tut weh, egal welcher Erklärungen es gibt. Es hinterlässt eine Lücke verpasster Chancen und Erlebnisse. Etwas fehlt, etwas habe ich nicht bekommen. Und jedem Trösten und Hoffen steht der offensichtliche Verlust entgegen. Loslassen heißt nicht ersetzen, variieren. Loslassen als Verlust heißt, etwas unwiederbringlich zu verlieren. Es ist einfach so und wenn ich mich auf den Kopf stelle. Mir sind die Hände gefühlt gebunden. Oder sind sie wie leer? Was habe ich losgelassen, fallengelassen? Ich will es nicht und will mich nicht lösen …und doch, es ist fort. Wut und Angst und Hilflosigkeit. Ärger und panisches Festhalten-Wollen. Zorn und bittere Tränen. Loslassen ist Verlust.

Loslassen ist Erleichterung
Obwohl man es nicht hätte glauben können, Loslassen ist auch Erleichterung. Wenn ich nicht mehr festhalte, nicht mehr kämpfe, nicht mehr probiere, dann bedeutet das auf einmal auch weniger Anstrengung. Weniger enttäuschte Erwartungen die bevorstehen. Ich atme aus. Es ist so. So wie es ist. Das Zitat erinnert: Wer loslässt, hat die Hände frei. Auch wenn es die Dinge vielleicht etwas einfach darzustellen scheint, in Wirklichkeit stimmt die Aussage. Wenn die Entscheidung zum Loslassen getroffen ist, gibt es nichts mehr zu tun. Wer lange Zeit beobachtet hat, wie die Pläne zerbrechen erhält nun Klarheit. Es ist klar, so wie erhofft wird es nicht sein. Man kann sich nun von alten Ideen trennen und seine Energie auf das Jetzt, auf neue Pläne richten. Vielleicht wird deutlich, dass es auch erleichternd ist, dass etwas nicht klappt. Dass Zeit, Geld, Ressourcen und Energien frei werden. Es ergeben sich unerwartet konkrete Vorteile. Loslassen ist Erleichterung.

Loslassen ist Fantasie
Die Auseinandersetzung mit dem Loslassen erweckt eine ganz besondere Fähigkeit: Die Fantasie. Schon der Kampf, um den Plan doch noch zu verwirklichen, entfacht Ideenreichtum, Lösungsdenken. Was kann geändert, transformiert werden? Was kann ich wie machen, um doch noch ans Ziel zu gelangen? Welche Version meiner Idee ist realisierbar und schenkt mir dabei ebenso Zufriedenheit? Wenn wir davon ausgehen, dass kein Verlust endgültig abgeschlossen ist sondern weiter wirkt, wird durch ihn die Fantasie angeregt: Was kommt nach dem Loslassen? Was kann ich daraus lernen? Wie gestalte ich mein Leben in Zukunft. Wie vielleicht nicht mehr? Wo lassen sich Teil-Ziele, Schritte der Vision nachholen? Oder wie entwickelt und verändert sich mein Ziel im Ganzen? Was kann ich jetzt stattdessen tun? Neue Träume entstehen und erstrahlen im farbenfrohen Licht der Fantasie. Die Erfahrung mit dem Sich-Lösen kann die kreative Energie der Menschen in ungeahnte Höhen treiben und dabei helfen, aus dem Verlorenen mit Wachstum und Stärke hervorzugehen. Neue Perspektiven ergeben sich, unbekannte Türen öffnen sich, versteckte Wege werden deutlich. Loslassen ist Fantasie.

  • Welche negativen Gefühle löst das Loslassen-Müssen bei Ihnen aus? Welche Nachteile empfinden Sie? Was hilft Ihnen, damit umzugehen…?
  • Welche positiven Gefühle löst das Loslassen in Ihnen aus? Welche vielleicht ungeahnten Vorteile ergeben sich? Wie schaffen Sie es, diese positiven Aspekte anzunehmen…?
  • Welche Fantasien und neue Visionen entstehen bei Ihnen, wenn Sie im Loslösens-Prozess sind? Zu welchen neuen Wegen führt Sie das? Wie gelingt es Ihnen, die erweckte kreative Energie in Ihrem Leben wirken zu lassen…?

Vielleicht ist Loslassen für Sie genau das Beschriebene, vielleicht etwas komplett Anderes. Vielleicht alle drei Aussagen in der genannten Reihenfolge, oder doch alle auf einmal. Möglicherweise wechseln die Zustände immer wieder durcheinander. Vielleicht haben Sie für sich neue Impulse bekommen, vielleicht haben Sie sich daran erinnert, dass Sie das alles selbst auch schon so gedacht haben. Und vielleicht macht das bewusste Beschäftigen mit dem Prozess des Verlustes das Loslösen ein kleines bisschen erträglicher…


[1] Kast, V. (1982). Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz, Stuttgart.

[2] Kűbler-Ross, E. 1969. On death and dying, New York, NY: Macmillan.

[3] Streich, R. K. (2016) Fit for Leadership. Wiesbaden: SpringerGabler-Verlag;

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.